Danilo · Aktualisiert 2026-10-15 · Quellen: ESTV Steuerrechner 2026; BFS Strukturerhebung (Mietpreise); SBB Tarif nationaler Direktverkehr 2026; Steuerverwaltung des Kantons Bern (Steueranlagen der Gemeinden)
Bern, Agglomeration oder Thun? Warum die Steuer hier fast nie entscheidet
«In der Agglomeration zahlst du doch weniger Steuern.» Spätestens am Familientisch fällt dieser Satz, sobald jemand in Bern eine Wohnung sucht: in der Stadt, in Köniz, in Ostermundigen, und weil die Eltern in Thun wohnen, steht auch von dort ein Inserat im Browser.
Im Kanton Zürich oder Schwyz kann so ein Satz ein paar tausend Franken wert sein. Im Kanton Bern stimmt er meistens nicht, und wo er stimmt, geht es um weniger Geld, als man denkt. Dieser Beitrag rechnet es für sechs Gemeinden durch.
Die Zahlen für sechs Gemeinden
Das Beispielprofil: CHF 130'000 Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit, keine Kirchensteuer, Steuerjahr 2026. Gerechnet für eine alleinstehende Person und für ein Ehepaar mit zwei Kindern. Die Beträge sind die Einkommenssteuern von Bund, Kanton und Gemeinde zusammen, je Gemeinde exakt berechnet. Mit einem anderen Einkommen, Vermögen oder Abzügen fällt deine eigene Zahl anders aus.
| Gemeinde | Alleinstehend | Verheiratet, 2 Kinder |
|---|---|---|
| Muri bei Bern | CHF 22'620 | CHF 12'664 |
| Bern | CHF 24'481 | CHF 13'808 |
| Köniz | CHF 24'667 | CHF 13'922 |
| Burgdorf | CHF 24'900 | CHF 14'065 |
| Thun | CHF 25'039 | CHF 14'151 |
| Ostermundigen | CHF 25'179 | CHF 14'237 |
Innerhalb des Kantons ist die Gemeinde fast egal
Stellt man jede Gemeinde neben die Stadt Bern, sieht das für die alleinstehende Person so aus:
- Köniz: CHF 24'667 − CHF 24'481 = CHF 186 mehr pro Jahr
- Burgdorf: CHF 24'900 − CHF 24'481 = CHF 419 mehr
- Thun: CHF 25'039 − CHF 24'481 = CHF 558 mehr
- Ostermundigen: CHF 25'179 − CHF 24'481 = CHF 698 mehr
Für die Familie schrumpft alles noch: Köniz CHF 114 mehr, Burgdorf CHF 257, Thun CHF 343, Ostermundigen CHF 429 (jeweils Gemeinde minus Bern, CHF 13'808).
Lässt man Muri weg, liegen zwischen der günstigsten und der teuersten dieser fünf Gemeinden CHF 698 im Jahr, also rund CHF 58 im Monat. Wer in Ostermundigen eine Wohnung findet, die ihm besser gefällt als die in der Länggasse, muss sich wegen der Steuer keine Gedanken machen.
Bundessteuer und Kantonssteuer sind überall im Kanton gleich. Nur die Gemeindesteuer variiert, und bei diesen fünf Gemeinden fällt der Unterschied klein aus. Was eine Steueranlage genau ist, erklärt der Beitrag Steuerfuss erklärt.
Auffällig: Die Stadt Bern ist in dieser Auswahl nicht die teure Option. Köniz, Burgdorf, Thun und Ostermundigen kosten alle etwas mehr. Das Bild von der «teuren Stadt» und der «günstigen Agglomeration» passt hier nicht.
Muri: die eine Ausnahme
Muri bei Bern fällt aus der Reihe. Alleinstehend: CHF 24'481 − CHF 22'620 = CHF 1'861 weniger als in der Stadt Bern. Für die Familie: CHF 13'808 − CHF 12'664 = CHF 1'144 weniger.
Auf den Monat heruntergebrochen sind das CHF 1'861 ÷ 12 = rund CHF 155 für die alleinstehende Person und CHF 1'144 ÷ 12 = rund CHF 95 für die Familie. So viel darf die Wohnung in Muri teurer sein als eine vergleichbare in Bern, bevor der Steuervorteil aufgebraucht ist. Das ist kein grosser Puffer. Ob eine Wohnung in Muri oder Gümligen innerhalb davon bleibt, zeigt erst das konkrete Inserat, nicht der Steuersatz.
Thun und Burgdorf: das Abo schlägt jede Steuerdifferenz
Hier kippt der Vergleich. Ein Abo im nationalen Direktverkehr kostet von Thun nach Bern CHF 250 im Monat, von Burgdorf nach Bern ebenfalls CHF 250 (2. Klasse). Aufs Jahr gerechnet: CHF 250 × 12 = CHF 3'000.
Das ist mehr als die gesamte Spanne zwischen allen sechs Gemeinden in der Tabelle (alleinstehend CHF 25'179 − CHF 22'620 = CHF 2'559). Und es kommt zur leicht höheren Steuer noch dazu. Für die alleinstehende Person in Thun:
- Mehr Steuern als in Bern: CHF 558 pro Jahr
- Plus Abo: CHF 558 + CHF 3'000 = CHF 3'558 pro Jahr
- Pro Monat: CHF 3'558 ÷ 12 = rund CHF 297
Eine Wohnung in Thun muss also knapp CHF 300 im Monat günstiger sein als die Alternative in Bern, damit die Rechnung aufgeht. Für die Familie sind es CHF 343 + CHF 3'000 = CHF 3'343, also rund CHF 279 im Monat (wobei das Abo hier nur für eine pendelnde Person gerechnet ist). In Burgdorf: alleinstehend CHF 419 + CHF 3'000 = CHF 3'419, rund CHF 285 im Monat; als Familie CHF 257 + CHF 3'000 = CHF 3'257, rund CHF 271.
Eine Einschränkung: Diese Rechnung nimmt an, dass man in Bern gar nichts fürs Pendeln zahlt. Wer in Bümpliz wohnt und täglich mit Tram oder Bus ins Zentrum fährt, hat womöglich ebenfalls ein Abo im Tarifverbund Libero. Dann ist der Unterschied kleiner als CHF 3'000. Auch für Thun kann ein Verbundabo über mehrere Zonen anders ausfallen als das Streckenabo, etwa wenn es den Stadtverkehr in Bern mitdecken soll. Die Preise stehen beim Tarifverbund; für die eigene Strecke legt man am besten beide Varianten nebeneinander. Mehr dazu im Beitrag Pendelkosten: Verbundabo gegen GA.
Dazu kommt die Fahrzeit, die in keiner Steuertabelle steht. Zweimal täglich im Zug kostet Zeit, die man anders nutzen könnte; wie viel sie einem wert ist, entscheidet jeder selbst.
Zur Miete: zwei Zahlen, die man nicht abziehen darf
Die BFS-Strukturerhebung liefert für die Stadt Bern eine eigene Durchschnittsmiete von CHF 1'413 pro Monat (2022–2024). Für Köniz, Muri, Ostermundigen, Thun und Burgdorf gibt es dort keine eigene Zahl, nur den Durchschnitt des ganzen Kantons Bern: CHF 1'319 pro Monat (2024), für alle fünf derselbe Wert.
Die Differenz dieser beiden Zahlen sagt nichts darüber, was eine Wohnung in Thun kostet. Der Kantonsschnitt enthält das Emmental, das Oberland und den Berner Jura. Beide Zahlen sind Durchschnitte aus der Strukturerhebung, keine aktuellen Inserate, und dienen nur zur Orientierung. In die Rechnung gehört die Miete der Wohnung, die du tatsächlich anschaust.
Und Biel/Bienne?
Biel/Bienne gehört auch zum Kanton Bern, bringt aber eine zweite Frage mit: die Sprache. Dafür gibt es einen eigenen Beitrag mit Zahlen für Biel, Bern, Fribourg und die Westschweiz: Über den Röstigraben ziehen.
Was die Tabelle nicht sagt
- Kirchensteuer: Alle Beträge gelten ohne Konfession. Mit Kirchensteuer steigen sie
in allen Gemeinden.
- Anderes Einkommen oder Vermögen: Die Abstände gelten für CHF 130'000. Mit einem
anderen Einkommen ändern sie sich, und die Reihenfolge kann sich verschieben.
- Pendeln innerhalb der Agglomeration: Für Köniz, Muri und Ostermundigen nach Bern
ist hier kein Abopreis gerechnet; das läuft über die Zonen des Tarifverbunds Libero.
- Einmalige Kosten wie Umzugsfirma oder Mietkaution stehen nicht in diesen Zahlen.
- Keine Steuer- oder Rechtsberatung, sondern eine Auswertung öffentlicher Daten für ein
Beispielprofil. Die Steueranlagen der Gemeinden veröffentlicht die Steuerverwaltung des Kantons Bern.
Zum Schluss: selbst nachrechnen
Mein Rat für den Raum Bern: Such die Wohnung nach Miete, Grundriss und Weg zur Arbeit aus und lass die Gemeindesteuer beiseite, ausser Muri ist ernsthaft im Rennen. Nach Thun oder Burgdorf zieht man, weil man dort leben will, nicht um zu sparen.
Mit deinem eigenen Einkommen, der Miete aus dem Inserat und deinem Arbeitsweg kannst du es selbst nachrechnen: